Kwang Lees Bilder werden lebendig zwischen Tag und Nacht.
Das schwindende Tageslicht verschleiert die Farben und lässt Formen verschwimmen. Es bemüht unser Sehen, bis die Dunkelheit endgültig obsiegt. Die Abbilder der Wirklichkeit werden von der Nacht eingehüllt und für unsere Augen unsichtbar. Trotzdem bleiben sie präsent.

In Kwang Lees Gemälden erstrahlen die Berliner Seen und Davoser Landschaften unter dem tiefblauen Sternenhimmel in einem geheimnisvollen Licht. Es ist weder ein beobachtetes Licht, wie das Studienobjekt der Impressionisten, noch ein inszeniertes Licht. Die Dinge scheinen aus sich selbst heraus zu leuchten. Ihr ureigenes Wesen erstrahlt, welches uns zugleich vertraut und fremd ist. Es ist ein gespürtes Licht, das Kwang Lee zum Ausdruck bringt. Die Dunkelheit raubt ihr den wichtigsten Sinn des Malers und stärkt ihr Empfinden für das verborgene Wesen der Dinge.
Auf den glatten Spiegeln der Seen stellt die Künstlerin dieses Leuchten in den Dialog mit sich selbst. Die Wasseroberflächen bilden die Leinwände der Natur. Auf ihnen beobachten wir gebannt die uns umgebende Wirklichkeit. Durch die Brechung des Lichts erscheint sie uns neu, in ungewohnter Proportion. Die Bewegung des Wassers lässt das Statische zerfließen. Kwang Lees Bildkompositionen lenken den Blick des Betrachters immer wieder zu den stillen und doch bewegten Spiegeln zurück. Sie bilden das Gefäß für den eigentlichen Kern ihrer Werke: das Wasser.

„Das höchste Gut gleicht dem Wasser.
Des Wassers Gutsein: Es nützt den zehntausend Wesen,
aber macht ihnen nichts streitig; “
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Ihre Spiegelungen bauen keine Spannungen auf. Sie leben in der Ruhe der Gewissheit, Wahrheit in sich zu tragen. Die Gefäße der Seen sind bis zum satten Rand mit Wasser gefüllt. Dieses Element schenkt dem umgebenden Dasein seine Existenz. Seine Kraft ist durch das enge Zusammenspiel der Farben und durch die kompositorische Verbindung der Reflexion mit seiner Umwelt zu spüren.
In Kwang Lee’s Schöpfungen vereinigen sich virtuos das Gedankengut der asiatischen Philosophie mit der Maltradition westlicher Schule. In der Kunstakademie Düsseldorf zur rigorosen malerischen Analyse erzogen, wendet sie sich doch in ihrer gedanklichen Verortung immer zum Vereinenden hin. Die Akzeptanz der „Ungegenständlichkeit“ als Ausdruck des „rein Geistigen“, des Transzendenten mussten sich Wassily Kandinsky und seine Mitstreiter hart erkämpfen. Und wie sehr ist diese Assoziation mit der Denkweise unserer westlichen Welt eins geworden. Die asiatische Malerei musste nie den Weg der Entfernung von der Dinglichkeit gehen. So muss es auch Kwang Lee nicht.

Barbara Birg-Rahmann

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1 Lao-tse, Tao-Tê-King, Das heilige Buch vom Weg und von der Tugend. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Günther Debon. Stuttgart 2012, Kapitel 8, Seite 14.



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