2012

Kwun Sun Cheol ist einer der bedeutendsten koreanischen Maler der Gegenwart. 1944 in Chang-Won, Südkorea, geboren, arbeitet und lebt er seit 1989 in Paris. Besonders berühmt sind seine großformatigen Gesichter. Seine Bilder bewegen sich zwischen Figuration und Abstraktion, sein Oeuvre umfasst sowohl Landschaften, Porträts, darunter Selbstporträts, wie auch surreale Darstellungen, die er „Seelen“ nennt.

Kwuns Landschaften sind menschenleer, auch die Vegetation fehlt meistens oder zeigt sich in der Ferne schwarz und winterlich. Dargestellt sind die Landschaften in einem Spektrum, das von aufgelösten weichen Pinselstrichen zu knäuelartig geballten Strichen reicht. Erstere vermitteln etwas Diesiges, Kühles und Atmosphärisches. Von einer Erkundung der Oberflächen zeugen die anderen: von steinigen, unbewachsenen Bergen, von der rauen Erde. Stein, Erde und Meer haben etwas Ursprüngliches und Unendliches an sich. Einige Stadtbilder greifen die Farbigkeit und Stimmung von Camille Pissarros Parisbildern auf.

Auch in seinen Porträts besteht die Spannung zwischen weichen und harten Pinselstrichen, zwischen Oberfläche und Tiefe. Einige Porträts wirken beinahe wie Skulpturen, so viel Schichten vereinen sie, und doch löst sich die Energie und Spannung der Linie auf, um das Gesicht letztendlich als Schein zu entlarven, als Hülle. Denn die Pinselstriche bilden keinen festen Körper, sie lösen sich auf, als wären sie nur die Beschreibung eines Blickweges, sie bilden in ihren Ballungen und Überkreuzungen ein topographisches Relief. Kwun gibt den Ausdruck der Porträtierten nicht Preis, lässt sie den Blick abwenden und in sich gekehrt erscheinen. Er stellt Menschen da, junge mit glatter Haut, aber noch öfters alte und faltige, durch die Zeit und das Leben geprägte. Die Individualität seiner Gesichter ist ein Zufall, dem der Maler auf die Spur geht, als würde er physiognomische Studien betreiben, letztendlich malt er den Mensch an sich. So sind sie keine Porträts im eigentlichen Sinne.

Quellen für seine Gesichter sind auf der Straße angefertigte Skizzen, Gemälde oder Fotos aus Zeitschriften. Kwun ist ein begeisterter Zeichner, gerade da ist bei ihm eine Freiheit der Darstellung zu sehen, die diese Gesichter auch als Phantasien erscheinen lässt. Die Gesichter können rückversetzt in die Zeit gedacht werden, wie eine entfernte Erinnerung, so sieht es Daphné Le Sergent: Eine typische Melancholie, aus dem Koreakrieg (1950-53) und seinen Folgen resultierend, prägt ihrer Meinung nach die Bilder.

Zwischen Kwuns Farben, die in ihrer Überlagerung und Mischung eher eine Palette von Graus bilden, blitzen Gelb, Blau, Rot auf, Farben aus der Glas- oder der Buchmalerei. Kwuns Suche nach Spiritualität in der Kunst zeigt sich besonders in seinen „Seelen“, die mystische Lichterscheinungen, gefallene Seelen, Gekreuzigte darstellen. Da wird diese Suche als zentrales Anliegen seiner Kunst am Deutlichsten.

Verena ALVES-RICHTER



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