...Cassandra's erstes Leben... oder Die Welt des Mike MacKeldey

Eine Laudatio anlässlich einer Ausstellung in der
Heyne Fabrik, Offenbach, 1. Juni 2010


Der Frankfurter Maler Mike MacKeldey besetzt seit einigen Jahren mehr oder weniger im Verborgenen eine einzigartige Position und ist eine vertitable Entdeckung auf dem Kunstmarkt. Der Maler mit dem schottischen Namen kann als gutes Beispiel gelten, wie vital sich eine Künstlerpersönlichkeit entwickeln kann, auch wenn sie von Kunsthochschulen verschmäht wurde; denn obgleich Thomas Bayrle von seinen Arbeiten begeistert war, wurde er an der Frankfurter Städelschule nicht angenommen und hat sich über viele Jahre als Autodidakt fortentwickelt.

Mike MacKeldey ist bekannt als Portraitmaler und hat das Genre mit seinem neuen Werkzyklus in neue, überraschende Sphären geführt. Denn das klar identifizierbare Abbild von Menschen des öffentlichen Lebens oder auch von Figuren auf der Straße ist in seinem Werk nur noch eine Seltenheit. Zum Ersten wird das Portrait in den letzten Monaten immer mehr umrahmt, eingekreist, wie durch ein Guckloch fokussiert und durch informellen, materialreichen Strich umgeben oder mit einem gespachtelten Schutzmantel versehen, verwischt und in eine zunehmend abstraktere Richtung verändert. Zum Zweiten erhält das Portrait in den Arbeiten des letzten Jahres auf der Oberfläche eine zusätzliche Dimension. Denn wenn das Portrait von der Farbe noch feucht ist, platziert der Maler in einer geritzten Übermalung einen intuitiv ersonnenen Subtext zum Portrait, der sich oft ironisch mit dem eigenen Werk beschäftigt. Diese Reaktion auf das eigene Werk kommt aus dem Unterbewussten – der Sinn ergibt sich häufig erst im Nachhinein, wie das eben öfter ist bei großer Kunst.
Die Tradition der Kritzeleien reicht von den Höhlenmalern in Lascaux über Leonardo bis zu Picasso und Cy Twomby und gipfelt in der Art Brut eines Jean Dubuffets oder in den Übermalungen eines Arnulf Rainer.

Handelt es sich da um eine Wechselwirkung zwischen Portrait und Detailbild im Portrait? Sehen wir innere Vorgänge des Portraitierten? Handelt es sich um eine Karikatur à la Marcel Duchamp, der seinerzeit der Mona Lisa einen Bart anmalte und ironisch die Buchstaben L.H.O.O.Q. darunter schrieb, was auf Französisch schnell ausgesprochen so viel bedeutet wir Sie hat einen heißen Arsch. Der Künstler lässt es offen und will sich da nicht festlegen lassen, gibt aber zu, dass der Text, der immer wieder auf der Oberfläche der Werke auftaucht, nicht immer rational gesetzt ist, sondern sich zuweilen verselb­ständigt. Das sind Andeutungen zu den Geschichten, die in den Bildern verborgen liegen, die der Betrachter aber für sich selbst entdecken muss. Die Bilder haben in den gesetzten Fragmenten und Schlüsselszenen solch archaische Themen wie Liebe und der negativen Liebe, dem Hass, Geburt und Tod, Eifersucht und Selbstmord, dass jeder Betrachter seine eigenen biografischen Hintergründe hineinprojizieren kann.

Mit Zitaten wie Fuck the police oder Ich bin Jude neben einem Davidstern reißt der Künstler existentielle Themen an, die polarisieren und den Betrachter anstoßen. Wir sehen Musiker wie Iggy Popp, Felix Kubin und die Sängerin Anja Plaschg von Soap & Skin, einer Lieblingsband des Künstlers. Mit Figuren wie Klaus Kinski und Buffalo Bill oder myth­ischen Darstellungen wie einem Portrait vom Sohn des Zeuss zeigt er, dass es ihm nicht eigentlich um den Portraitierten geht, sondern um die Geschichten, die dahinter liegen oder sich mit der Figur, oder was man mit ihr assoziiert, verknüpfen lassen. Manche Portraits stehen durch die Streifenstruktur da wie im starken Regen, den wir in diesem Frühsommer nahezu täglich draußen verfolgen können. Oder es ist wie eine ferne Erinnerung an einen Menschen, den wir nicht mehr genau vor Augen haben. Durch den ovalen Rand erscheinen manche Bilder aber auch wie ein Spiegel aus einer anderen Zeit, vielleicht auch ein Spiegel, der durchlässig ist wie bei Orpheus und der dann ein Spiegel in eine andere Zeit und Welt ist wie in der Verfilmung von Jean Cocteau. Viele der Bilder haben so auch etwas Geisterhaftes, bewirkt durch den gewissen Film und das Verschwommene, das der Künstler in seine Flächen einwebt.

Die Bildoberfläche in diesem neuen Zyklus, der in wenigen Monaten mit einem täglich entstandenen Bild verwirklicht wurde, ist sehr attraktiv und erzählt viel. Wir sehen häufig diese gekonnte Streifenstruktur, unter der sich das Portrait befindet, dicke, gespachtelte Stellen, und die geritzte und beschriftete oberste Schicht. Aus der Ferne sieht man nur die Portraitierten, die zugunsten der Details, die man bei der Annäherung immer besser erkennt, zunehmend verschwinden. Das Licht spielt bei der Betrachtung eine wichtige Rolle, die geritzte Oberfläche kann bei seitlicher Betrachtung das einzig Sichtbare sein. Dank dieser einzigartigen Oberflächen sind die Arbeiten auch ein wunderbares Beispiel für die Wechselwirkung von Nähe und Distanz, was eben nicht nur eine formale Ebene hat, sondern eines der Kernthemen der menschlichen Beziehungen berührt. So vereinen sich in diesem Zyklus von Mike MacKeldey Inhalt und Form in besonders sinniger Weise.
 
Es handelt sich bei allen Bildern um Ölfarbe auf Baumwolle, ein Schreiner fertigt nach seinen genauen Vorstellungen die Rahmen, die der Künstler dann selbst bespannt und bemalt. In der Farbgebung hat Mike MacKeldey den neuen Zyklus in seinem Werk ganz neu angesiedelt. Während früher dunklere Töne vorherrschten und viele Bilder in Orange und Braun angelegt wurden, bestimmen nun Pastelltöne die Arbeiten und Türkis und Grau tauchen häufiger auf.

Drei Bilder möchte ich besonders herausgreifen:
Im Bild Der Himmel über Munsalvaesche fliegen zwei Figuren für sich, die eine große im Hintergrund und die Kleinere im Vordergrund: In freiem Fall sinkt die Portraitierte vor blauem Grund ins Bodenlose, sie leidet, das kann man deutlich erkennen, und auf der Oberfläche legt sich der karikaturenhafte Mann, ein Alter Ego des Künstlers?, mit Freude darüber. Wie in manchen anderen Bildern des Künstlers teilen sie sich das Gesicht, ja sie haben sogar das gleiche Auge. Freud und Leid sind hier als die beiden Seiten einer Medaille ins Zentrum gerückt.

Ein Selbstportrait zeigt den Künstler mit fünf verbundenen Speeren, die das Familienwappen darstellen, mit dem Clanspruch Aonaibh Ri Sheile, was so viel wie Verbinde! bedeutet. So stellt er den Bezug zu seinen schottischen Wurzeln her, was eine Leistung ist, denn die Familie lebt seit etwa sechs Generationen in Deutschland.

Das dritte Bild, Gugelhupff betitelt, vereint Fragmente aus allen anderen Bildern, die in den letzten Monaten entstanden sind. Denn hier wurden am Rande eines schönen rottlippigen Portraits die Reste und Pinselspuren der Bilder nach Vollendung abgestreift. So entstand ein üppiger floraler Rand um das Portrait, das alle Farben des Zyklus’ aufnimmt und mit fallenden Klecksen die Vitalität und Kraft der Arbeiten unterstreicht.
Über allem findet sich eine grüne Linie, die alles und nichts sein kann: Eine Liane? Ein Weg? Eine tanzende Figur? Einmal mehr bleibt die eindeutige Antwort aus.

Mike MacKeldey besetzt eine eigensinnige, radikale, vor Reichtum und Phantasie zuweilen strotzende Position. Neu ist die selbstbewusste Signatur auf der Vorderseite, integriert fast wie ein Markenname auf einem Produkt. So fällt auch sein Künstlermotto üppig aus, das in wenigen Worten anreißen soll, worum es ihm geht, was in ihm steckt und was ihn ausmacht. Was also ein anderes Wort ist für seine Kreativität. Es lautet: In Saus und Braus. Ausspucken. Taschen leeren! So bringt er auf den Punkt, dass alles, was er in seinem Leben erlebt und durchlitten hat, alles was er sah und auch das, was er phantasierte, auf Baumwolle bannen lässt. Er nutzt seine Möglichkeiten und setzt jeden Moment in seiner Kunst aufs Ganze. Man kann es spüren. Während in den vergangenen Jahren sein Atelier schon über einem Boxclub lag, ist kürzlich im Tiefgeschoss noch ein Bestatter hinzugekommen. Der Künstler hat also im wahrsten Sinne regelmäßig frische Leichen im Keller, die er möglicherweise in Kunst sublimieren wird. Wir können gespannt sein, wie sich sein Werk nun fortspinnen wird. Verfolgen Sie diese Position weiter, es lohnt sich. Und fangen Sie spätestens jetzt an, Mike MacKeldey zu sammeln.

Florian Koch
Kurator in Frankfurt am Main




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