zwischenräume | interspaces 2013

Junggeun Ohs Werk dreht sich um das ungewöhnliche Gleichgewicht zwischen zwei Oberflächen.
Mehrere Jahre hat Junggeun Oh jetzt in Berlin verbracht, in verschiedenen Bezirken war er unterwegs und studierte die Silhouette von Gebäuden gegen den Himmel, schuf so eine ganz individuelle Kartographie dieser Stadt. Er nahm Formen auf, die er zwar in der urbanen Realität vorfand, die er dann aber in endlosen Variationen in abstrakteste Gebilde von kontrastierenden Flächen verwandelte. Er löst beim Betrachter Verwunderung über die unübliche Balance zwischen diesen Flächen aus, denn keine überwiegt die andere an visueller Wucht, es gibt keinen Vorder- und Hintergrund, die Wahrnehmung schwingt zwischen Zwei- und Dreidimensionalität.
Oh benutzt kräftige Farben mit tiefem Glanz und ohne Beziehung zum ursprünglichen Motiv. Er favorisiert die Farbe Rot, die er in unzähligen Varianten von einem hellen Rot bis zu einem sehr dunklen, bräunlichen Ton verwendet. Auch Schwarz benutzt er gerne, das er in der Textur wie Kohle oder Lack aussehen lässt. Ein weiterer möglicher Kontrast ist auch der zwischen sehr glatten Oberflächen - entstanden aus zahlreichen Schichten dünn aufgetragener Farbe - und rauen Oberflächen, die aus unzähligen wie mechanisch aufgetragenen kleinen Pinselstrichen gebildet werden.
Die stetige Wiederholung der Gesten und Motive und das Vermeiden eines Pinselstriches mit einem persönlichen Duktus geben seinem Werk eine meditative Seite. Seine Reflektion geht weit über die eines Individuums in den Grenzen von Gesellschaft und Architektur hinaus. Eine strenge mathematische Schönheit zeichnet Junggeun Ohs Werk aus. Hinter all seinen urbanen Himmelslandschaften ist sie grundlegendes Element.
In seinen letzten Werken schneidet er aus seinen Leinwänden Teile aus und füllt diese Ausschnitte mit fragilem bemaltem Karton, ein feiner Spalt trennt beide Materialien. Und der Künstler verlässt den rechteckigen Rahmen und verleiht seinen Bildern ungewöhnliche Konturen. Ohs Bilder gewinnen so die hermetische Eleganz flacher Skulpturen.

Verena ALVES-RICHTER





Die Zwischenräume Gendarmenmarkt 2011

Die kommende Ausstellung in der galerie son zeigt die Fortsetzung einer sehr persönlichen Kartographie der Großstadt, wie sie sich der koreanische Maler Junggeun OH vorgenommen hat. Die nunmehr vierte Folge seiner Serie Zwischenräume hat als Ausgangspunkt den Berliner Gendarmenmarkt. Der Künstler zeigt "Zwischenräume", womit vordergründig die Himmelsausschnitte oder Schatten der urbanen Architektur gemeint sein können, die er oft aus ungewöhnlicher Perspektive wahrgenommen als Ausgangspunkt seiner Malerei nimmt. Diese erlangen auf der Leinwand eigentümliche Flächigkeit und verwandeln sich in reizvolle abstrakte Formen. Das Räumliche wird durch die Technik Junggeun OHs verdrängt: Zahlreiche sehr glatte und sowohl matte wie auch glänzende Malschichten, die an manchen Stellen durch unzählige feine horizontale oder vertikale Striche in Öl oder durch Kartonkollage gebrochen werden, schaffen eine äußerst sinnliche Qualität der Oberfläche. Die Bilder sind oft zweifarbig und beschränken sich meistens auf an asiatischen Lack erinnernde Rottöne und/oder Schwarz. Junggeun OH erzeugt in einer Schwingung zwischen Realität und Abstraktion, Festem und Leichtem, Objekten und deren Platz im Raum sehr meditative und konzentrierte Werke, die eine ideelle, metaphysische, abstrakte Idee der Schönheit darstellen. Insofern sind die "Zwischenräume" auch philosophisch zu sehen.

Verena ALVES-RICHTER





Ästhetik des Leerens und des Füllens
von Suk Kyoon SHIN, 2010


Was bleibt wohl übrig, wenn man reduziert und nochmals reduziert.
Was entsteht, wenn man hinzufügt und nochmals hinzufügt.

OH's Kunstschaffen ist ein fortwährender, langwieriger Prozess, der an den asketischen Meditationsweg eines Mönchs erinnert.
Als ich eines Tages nach seinem neuesten Werk fragte, antwortete er beiläufig nach langem Schweigen: "Ich habe noch einmal die Farbe des Untergrunds aufgetragen."
Welche Farbe werde ich benutzen?
Wie soll die Fläche des Zwischenraums angeordnet werden?
Soll ich sie öffnen oder schließen?
In der Auseinandersetzung mit diesen schwierigen Fragen blieb ihm nichts anderes übrig als noch einmal eine Farbschicht aufzutragen.

Ich denke, seine Arbeit ist die Ästhetik des Leerens und des Füllens.
Durch die Leere, die an den äußersten ästhetischen Maßstab der Reduktion angelehnt ist, findet er die essentielle Ästhetik und durch das Füllen mit mühevoller Sprache der Ästhetik erschafft er eine neue Form.
Die Form aus Linien, Flächen und Farben offenbart OH's ästhetische Symbolik.
Diese Linien, Flächen und Farben auf der Leinwand zeigen OH's Ästhetik und lassen diese auch je nach Veränderung der Flächen- und Farbkomposition erklingen. Gerade in dem Augenblick, in dem man diesen Klang wahrnimmt, meint man erst OH's ursprüngliche ästhetische Intention erkennen zu können.

Diesmal hat er den Zwischenraum in Berlin, Köln und Leipzig gefunden.
Die unzähligen Gebäude und ihre Zwischenräume prallen in seiner ästhetischen Auseinandersetzung aufeinander, brechen auseinander und schmelzen letztendlich zu einer Form zusammen, die sich auf der Leinwand als eine Farbe und eine Fläche zeigt.
Seine Werke entstehen durch das Aufeinanderwirken der Straßen, seines eigenen Körpers und der Leinwand und spiegeln dadurch auch OH's Persönlichkeit wider.

Wenn man aber seine Bilder, die doch einen komplizierten und leidvollen Schaffensprozess hinter sich gelassen haben, betrachtet, empfindet man eher eine innere Ruhe.

Dass man durch die Form, die sich aus der hektischen Stadt, den unzähligen Menschen und den hochragenden Gebäuden gestaltet, die innere Ruhe finden kann, ist darin begründet, dass er im Schaffensprozess letztlich die essentielle Ästhetik findet, indem er das Schmutzige, Hässliche und Überflüssige weglässt und nach dem Ursprünglichen sucht.
Dadurch erst scheinen seine Bilder diesen inneren Frieden bei uns zu ermöglichen.
Leeren und Füllen.
Ich denke, daher können auch wir vor der Leinwand durch den eigenen Prozess des Leerens und Füllens der wahren Intention seines Werkes begegnen.

Übersetzung: Ok-Hee JEONG





Die Zwischenräume des Kurfürstendamms
von Suk Kyoon SHIN, 2008


Soll es wirklich der Kudamm sein? Die Bilder lassen aber keine Spuren erkennen.

Die prächtige Straße mit ihren Gebäuden und die Menschenmenge, die er wahrnahm, gingen still in Ölfarben über und nahmen nach gewissen Momenten Formen in Farben an. Danach verschwanden die Silhouetten auf der Leinwand wieder, um sich dann erneut immer wieder zu zeigen. Durch diese Wiederholung erscheint zuletzt eine schlichte Struktur und Farbe von jener Pracht.

Es ist wie eine Begegnung mit dem Archetyp der Ästhetik, sein Schaffen zu betrachten. Seine kunstsinnlichen Wahrnehmungen und sein Kunstschaffen erlebten im Werdegang dieser Bilder ununterbrochen die Entstehung und Auflösung mehrerer Formen und Farben. Auf diesem Wege ist der uns vertraute Kurfürstendamm schließlich als Ursprünglichkeit der Schönheit wiedergeboren.

Bis jetzt lag der Fokus seiner ästhetischen Empfindungen darin, die >Zwischenräume< zu zerlegen und neu zu gestalten. Diesmal aber suchte er die schönen Elemente in der modernen Zivilisation. Sie sind durch seinen metaphysischen Kunstsinn und seine ruhelosen Pinselstriche zu einem neuen Raum verwandelt. Hier sehe ich wie immer seine innige Ernsthaftigkeit zum Leben und zur Kunst. Das Nichtstun beim Zuschauen nur langsam trocknender Ölfarben soll ihm schwer gefallen sein. Sicherlich wollte er seinen Drang nach der vollkommenen Ästhetik ununterbrochen auf die  Leinwand übertragen. Er musste aber erleben, dass man dem Unbeeinflussbaren machtlos ergeben ist.

Was man hier zu sehen bekommt, ist die Schlichtheit der Strukturen und Farben. Sie aber entsteht aus einem Komplex von Ideen, Schweiß und Geduld. Immer noch habe ich im Ohr, wie er sich schmerzlich mit den Fragen nach Balance, Kompromiss und Effizienz der künstlerischen Darstellung auseinandersetzte, über das Warten klagte und sich dann langsam von allem Druck löste. Seine Bilder enthalten daher mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen ist.

Er sagt, man müsse die dazu passenden Formen und Farben finden, wenn man Gedanken und Willen visuell zum Ausdruck bringen will.

Seine Bilder in der reduzierten Struktur und Farbe erzählen aber Vielfältiges, so wie man es bei einer Schatzsuche erleben kann.

Was eigentlich haben die Menschen in uralter Zeit als schön empfunden? Wie haben sie die Schönheit ausgedrückt? Vielleicht mit ihrer Stimme, mit Zeichen oder auch mit Farben? Beim Spaziergang auf „seinem Kurfürstendamm" würde man der ursprünglichen Ästhetik begegnen.


Übersetzung: Hee Seok PARK


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