SANDRA 2013

Sandra Thier, eine bekannte Anchorwoman, Fernsehmoderatorin und Journalistin, wurde vom Fotografen Jörg Strunz geschickt in Szene gesetzt: Er schuf kein klassisches Porträt und gibt dennoch viel von der Porträtierten wieder, vor allem ihre starke Persönlichkeit.

Sandra Thier wird in einer Staffage, die aus Oldtimern besteht, gezeigt: Mal entsteigt sie dem einen Wagen mit Eleganz oder lehnt sich an den anderen, um ihren Schuh zu richten, mal fährt sie. Der Fotograf bewegt sich an der Grenze zwischen Porträt, Modebild, Werbung und Filmstill. Seine Bilder spielen zwar mit typischen Klischees wie dem der Frau, die lasziv auf dem Kühler des Autos liegt, oder der eleganten Frau in der unaufgeräumten Autowerkstatt, er schafft aber gerade in diesem Spiel ungewöhnliche Fotos.

Ob wir nun ein Bond-Girl, die Protagonistin eines Krimis oder Roadmovies sehen, wir werden im Unklaren gelassen und müssen die gezeigten Geschichten weiterdenken. Denn Sandra Thier erscheint immer inmitten einer solchen aufgenommen worden zu sein. Die Oldtimer unterstreichen nicht nur das Momenthafte der Situation: In Verbindung mit der Kleidung und den Accessoires mit ihrem damenhaften und luxuriösen Touch – auffällige Handschuhe, Handtaschen und Schuhe – verleihen sie den Fotos einen leicht nostalgischen Flair, der an die Mode der Sechziger erinnert, wie an die berühmten Kleider aus Metallplättchen von Paco Rabanne. So kann der Betrachter in der Phantasie eine Szenerie ausmalen, die in den Bildern nur evoziert wird.

In der Balance zwischen der Abgebildeten, ihrer Kleidung, Accessoires und dem dazugehörigen Auto ist es letztendlich ihr Porträt, das besticht, wie auch ihre Unnahbarkeit. Da ist die leichte Spannung der Beziehung zwischen Fotograf und einem Model zu spüren, das sich ihm entzieht. Das ist der Reiz dieser Fotos, die eine kühle Erotik à la Hitchcock umgibt, die mehr im Blick, Gesichtsausdruck und Gesten als in nackter Haut ihren Ausdruck findet.

Verena ALVES-RICHTER





Enthüllen und Verbergen


Mit lasziver Grazie räkelt sich die Frau auf dem Sofa. Ihre leichte Garderobe gibt Anlass zu mancherlei Vermutungen. Sehen wir sie einfach nur müßig und gelangweilt an einem heißen Sommerabend oder erwartet sie jemanden – ihren Ehemann, ihren Liebhaber, ihren nächsten Kunden? Man weiß es nicht. Es würde jedenfalls kaum Mühe bereiten sich vorzustellen, wie im nächsten Moment Philip Marlowe, gespielt von Humphrey Bogart, die Szene betritt, um der ebenso verführerischen wie verdächtigen Schönen einige unangenehme Fragen zu stellen.

Oder nehmen wir jene Frau, die, mit angewinkelten Beinen auf einem Sessel sitzend, sich in aller Freizügigkeit präsentiert, dabei jedoch mit unverhohlener Arroganz ihren Blick abwendet und lässig raucht. Welche Szene hat sich hier kurz zuvor abgespielt? Was immer man sich vorstellen mag, diese Haltung düpiert, ja demütigt nicht nur jeden, der mit ihr im Raum ist, sondern ist auch für den Betrachter höchst irritierend.

Solche starken, dominanten Frauen, die umgeben sind von einer Aura teils sublim-verhüllter, teils offen-aggressiv demonstrierter erotischer Präsenz, sind typisch für den aus Koblenz stammenden Fotokünstler Jörg Strunz. Im wohltuenden Unterschied zu vielen anderen Aktfotografen pflegt er einen Stil des Einfachen, beinahe Puristischen. Mit oftmals einfachen Mitteln, mit sicherem Gespür für die richtige Location und mit ausgeprägtem bildkompositorischen Instinkt gelingt ihm die Konzentration auf das Wesentliche. Keine Geste wirkt übertrieben, keine Haltung gestellt, keine Mimik entgleitet ins Maskenhafte. Alles fügt sich punktgenau der zentralen Bildidee.

Auf diese Weise entstehen authentische, atmosphärisch dichte, kraftvolle Bilder zumeist schwarz-weißer Kolorierung, die ihr Geheimnis nicht sofort preisgeben. Denn ebenso viel wie sie zeigen, verhüllen sie. Dies macht ihren rätselhaften Reiz aus, und wo die Arbeit des Künstlers getan ist, fängt die des Betrachters an.

Christoph Kupfer, Aachen



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