Gesten im Farbraum
Zu den Arbeiten von Tschoon Su KIM
von Gerhard Charles Rump, 2015


Farbe wird immer dann besonders wichtig, wenn sie geballt auftritt. Die Wirkung von einem wenig Grün hier und einem bisschen Rot da, so richtig und wichtig diese Verteilung auch im Einzelfall sein mag, erscheint vergleichsweise schwach, wenn sie neben dem massierten Orange von Leightons "Flaming June" zu sehen ist, oder dem Blau in den Bildern von Tschoon Su KIM. Die Konzentration von KIM auf das Blau ergibt ein Paradox: Je mehr man sich auf das Blau konzentriert, desto mehr erfährt man über die anderen Farben. Indem man ihr Fehlen bemerkt, stellt man fest, dass man sie nicht benötigt. Das wird dadurch verstärkt, dass das Blau nicht opak ist, sondern stets in einem vielgestaltigen Dialog mit dem weißen Bildgrund eingebunden vorkommt. Weiß als Summe aller Farben hebt die Notwendigkeit anderer außer der vorhandenen auf.
Das ist kein sprachlicher Trick, sondern im Gemälde ästhetische Notwendigkeit; eine Notwendigkeit, die aber nur der Logik und der Natur des Bildes verpflichtet ist.
Der Dialog von Blau und weißem Grund begegnet uns als malerische Form. Wir stehen manchmal dynamischen all-over-Strukturen gegenüber, die die Bildfläche in einen Tanz von Farbgesten auflösen, deren Bewegung sich aber über die Bildgrenzen hinaus ausbreitet und den ganzen Raum umfasst, letztlich das ganze Leben. Andere Male gibt es eine Öffnung im Raum, die die Farbbehandlung aber wiederum in die Fläche zurücksetzt, oder es gibt Verdichtungen als wenn auch gelegentlich schemenhafte, schwer zu fassende quasi-Bildfiguren, die, wenn sie mehrfach vorkommen, eine auf höherer Ebene angesiedelte Bildstruktur wiedergeben, die heuristisch fruchtbar ist: Die sich in Erkenntnis umsetzenden ästhetischen Erlebnisse und die damit verbunden Einbindung des Betrachters in einen umfassenden Kunstprozess, stellen eben jenen Prozess dar. Das ist eine Art ästhetischer Rekonstruktion, da das Bild seinen Werdegang rekonstruierend abbildet, und zwar mit ausdrücklichem Hinweis darauf.
Die sonst als ruhig oder beruhigende geltende Farbe Blau wird bei Tschoon Su KIM umgedeutet. Der energetische und gestische Farbauftrag mit gelegentlich deutlicher Binnenstruktur ist expressiv und kontrolliert impulsiv, aber nicht als Ausdruck des leidenden Ichs, sondern des kreativen Geistes; eine gestische Abstraktion, eine Variante von Action Painting: Die Energie der Ausführung teilt sich dem Betrachter mit, dem so die erkennbaren Strukturen sinnfällig werden. KIM lebt ästhetisch in einem malerischen Kosmos aus Blau, der uns als Ebenbild des Kosmos und seiner Harmonie begegnet. Das ist bedeutend.




Innovation der Tradition
Bemerkungen zu den neuen Arbeiten von Tschoon Su Kim
von Gerhard Charles Rump, 2009


Tradition ist üblicherweise komfortabel, weil sie einen soliden Boden bietet. Aber Tradition bedeutet mehr, als Relikte zu bewahren. Es geht mehr um die Kontinuität von Lebenslinien, und das auch im Bereich der Ästhetik. Abstraktion, im Sinne des Nicht-Repräsentationalen, der Selbstgenügsamkeit oder der autonomen Malerei, hat eine lange Tradition in der Kunst. Eine der Quellen, aus der sie sich speist, liegt in den Hintergründen mittelalterlicher Malerei, sie begann sich kräftig zu regen mit J. M. W. Turners Bildern aus den 1840ern, und sie betrat dann 1910 mit Kandinsky die Bühne, um eine Hauptrolle zu spielen, mit František Kupka und Hilla Rebay in Nebenrollen.
Obwohl zu Zeit die figürliche Malerei überwiegt, gibt es doch eine starke Fraktion von Abstrakten. In Deutschland hat Gerhard Richter den abstrakten Expressionismus neu erfunden, Michael Burges hat eine ganz wichtige abstrakte Position inne, so wie Bernard Frize in Frankreich – die Stimme der Abstraktion verschafft sich international Gehör.
Es erscheint natürlich, dass die abstrakte Kunst auch in Korea stark ist. Der nicht-relationale Charakter des Abstrakten eröffnet die Möglichkeit auch eines meditativen Zugangs zu Bilderfahrung. Eine wichtige Rolle auf der Bühne der koreanischen Malerei – was gleichzeitig die internationale ist, da es nirgends eine echte „nationale“ Kunstszene mehr gibt – spielt der Maler Tschoon Su Kim. Man erkennt seine Werke leicht, denn er malt ausschließlich in Blau (was auch dann wahr wäre, fände man das eine oder andere Bild in einer anderen Farbe).
Das verbindet ihn mit einer weiteren Traditionslinie, denn die Farbe Blau erfreut sich großer Beliebtheit und eines hohen Ansehens in der internationalen Kunst. Man verbindet sie, unter anderem, mit Yves Klein und Damien Hirst.
Aber obwohl Tschoon Su Kims Werk fest auf den Fundamenten zweier Traditionen steht, ist es doch überaus innovativen Charakters. Sein Werk liefert eine neue Interpretation, eine neue Anwendung, eine neue Ästhetik der Abstraktion und des Beitrags der Farbe Blau dazu.
Schauen wir zunächst auf die Tradition des Abstrakten. Wir kennen lyrische, expressive, geometrische und gestische Abstraktion, um nur die wichtigsten Spielarten zu nennen. Tschoon Su Kims Werk zählt zur gestischen Abstraktion, jedoch handelt es sich bei seinen Bildern nicht um eine Serie gestischer Explosionen, die dem Betrachter etwas über den Zustand einer gequälten, zuckenden Seele erzählen. Stattdessen sieht man kurze, energiereiche Pinselhiebe, die Ausdruckshaftigkeit mit Zurückhaltung vereinen. Die Wiederholung der über die Leinwandoberfläche wandernden bringt einen seriellen Charakter mit ein. So herrscht Form über Emotion, ohne diese auszuschalten.
Die so entstehenden „all over“-Muster, in Zusammenarbeit mit den weißen Stellen des Hintergrunds (was man sonst eher in Aquarellen findet!), bilden aber keine regelmäßigen Muster wie im Pattern Painting. Die Elemente haben lineare Verbindungen, aber nicht gerade und klar, sonder sie mäandern auf dem Bilde, manchmal mit fester angezogenem, manchmal mit ein wenig schleifen gelassenen Zügeln.
So kommt Tschoon Su Kim zu drei Haupttypen von Bildern: a) die mit stärkerer oder schwächerer und b) die ganz ohne Gegenstandsassoziationen: Dazu kommen c) die, die ein autonomes Super-Muster aufweisen.
Es gibt Bilder, vor denen der Betrachter unwillkürlich an die Blätter denkt, die von einem Weidenast herunterhängen, oder solche, bei denen sich das nervöse Auf und Ab kurzer Wellen auf dem Meer oder einem See aufdrängt. Das heißt aber nie, dass Blätter oder Wellen Thema des Bildes sind – in einem solchen Fall hätte Tschoon Su Kim Blätter oder Wellen gemalt. Es heißt nur, dass zufällig ein Thema des Bildes, die distribuierte Form, strukturell mit dem Strukturskelett von Blättern oder Wellen übereinstimmt.
Meistens sehen wir uns großen blauweißen Bildern gegenüber, die ihre Faszination aus dem komplexen Zusammenspiel von aufgetragener Farbe, weißem Hintergrund, Form der – natürlich variierenden – seriellen Pinselstriche und den so entstehenden Super-Zeichen beziehen. Solche Elemente gibt es zwar in vielen abstrakten Bildern, aber zumeist sind sie auf die Oberfläche gemalt. Bei Tschoon Su Kim hingegen tauchen sie aus der Tiefe des Bildes auf, wie Teilchen aus dem Nichts. Solche Teilchen verschwinden aber ganz schnell wieder, Tschoon Sus Kim Bilder sind aber für die Dauer konzipiert.
Die zweite Traditionslinie ist die der Farbe Blau. Nie zuvor hat ein Künstler die Farbe Blau so exklusiv und extensiv benutzt. Blau ist eine Farbe der Zufriedenheit. Die Farbe des Tageshimmels und, wenigstens teilweise, die des Meeres. Unzweifelhaft eignet Blau visuelle Präsenz, obwohl sie den Betrachter nicht so anspringt wie Rot, Rotorange oder Neongrün. Blau scheint der Inbegriff von Farbe überhaupt, verweist auf Farbe allgemein und gleichzeitig auf sich selbst.
Die exklusive Verwendung von Blau gibt der Farbe eine neue Bedeutung, die über das hinausgeht und transzendiert, was je in der Vergangenheit damit gemacht wurde. Es gibt kein Bild, es sei denn, es ist blau. Will sagen: Blau steht für die Malerei, und so gibt es kein Bild, es sei denn es ist gemalt. Und das, wiederum, heißt, dass die Gemälde von Tschoon Su Kim nicht nur von distribuierter Form handeln, sondern auch von der Malerei selbst. Sie erscheinen so als eine Innovation von Tradition, was sie wichtig macht und ihnen Einfluss auf die zeitgenössische Malerei sichert.


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